15. Februar 2012

Georgien: von Tbilissi nach Zugdidi (756 km)

Mittwoch, 31. August                                           Tbilissi  (ohne Velo)
Der Flug mit Pegasus Airlines von Zürich über Istanbul nach Tbilissi hat bestens geklappt: guter Service ohne Luxus, günstiger Preis (Fr. 258.- + Fr. 60.- fürs Velo), und alles Gepäck inkl. in Schachtel verpacktes Velo einwandfrei angekommen. Am Flughafen in Tbilissi herrscht um 3 Uhr nachts Großbetrieb; offenbar kommen viele Flüge hier nachts an. Am Ausgang entdecke ich in der Menge einen Mann mit der Tafel für das SkyHostel, der mich hier abholen soll. Allerdings erwartet er auch noch 2 Israeli von einem späteren Flug.  Mit deren Gepäck  und meinem Velo ist sein Shiguli aber eindeutig zu klein. Kurzentschlossen organisiert er auf dem Vorplatz einen zweiten Fahrer für mich, und mit einigen Stricken gelingt es uns sogar, meine Fahrradschachtel auf dem kleinen Dachträger zu fixieren. In Tbilissi stoppen wir in einer dunklen Straße inmitten von Erdhaufen und offenen Gräben und erreichen zu Fuß durch eine stockdunkle Passage  schließlich  das Hostel, wo ich um halb fünf mein einfaches, aber sauberes Zimmer beziehe und gleich mal bis 11 Uhr durchschlafe.
Tbilissi von der Dreifaltigkeits-Kathedrale aus
Am Tag mache ich Bekanntschaft mit der internationalen Gästeschar: neben dem Paar aus Israel ein junger Iraner, der in Russland Holzhandel betreibt, aber wegen abgelaufenem Visum diesen  nun von Tbilisi aus betreibt, eine junge Frau aus Moskau, die  jeden Sommer einen Monat hier  Ferien verbringt, und eine belgische Radfahrerin  auf dem Heimweg von Australien. Mit ihrem Villiger-Velo war sie seit einem Jahr in Neuseeland und Australien  und nun  über Indonesien und via den Iran hier gelandet. Auf ihrem Programm steht nun eine Woche Kaukasus ohne Velo und dann Weiterfahrt durch die Türkei.

Altstadtgasse


die türkischen Bäder

die Metechi-Kirche
Auf meinem Programm steht heute Stadtbesichtigung. Bei Tag zeigt sich. dass in meiner Straße sämtliche Werkleitungen  neu erstellt werden und sich der dichte Verkehr mühsam zwischen Maschinen und Gräben hindurchzwängen muss. Über die Kura erreiche ich am gegenüber liegenden Westufer das eigentliche Zentrum der Stadt mit dem Rustaveli-Boulevard. Seit meinem ersten Besuch 1998 hat sich einiges verändert. Aus dem gigantischen „Iveria“-Hotel, in welchem damals wohl Hunderte  Flüchtlingsfamilien aus Abchasien untergebracht waren, ist ein supermodernes Radisson-Hotel in Glas und Stahl geworden; die damals schon  baufällig wirkende Hauptpost  nebenan ist  definitiv geschlossen, die gigantischen löffelähnlichen Tribünen-Bauten (damals vom Volk  als „Andropovs Ohren“  benannt) sind verschwunden, das gemütliche Gartenrestaurant vor der Unterführung ist kahl und verlassen, ....dafür hat die Zahl von Souvenirläden, teuren Mode-Geschäften und Banken deutlich zugenommen. Den Freiheitsplatz (ehemaliger Leninplatz mit gleichnamiger Statue ..) beherrscht jetzt ein goldener St.Georg als Reiter auf einer hohen Säule. Per U-Bahn mache ich einen Abstecher zur Station Avlabari am Ostufer und einen Spaziergang zur riesigen Dreifaltigkeits- Kathedrale („Sviatoi Sameba“; angeblich die 3.-grösste Kathedrale der Welt!).Das 9 ha große Gelände umfasst auch ein Kloster und eine Theologische Hochschule und den  Sitz des georgisch-orthodoxen Patriarchen. Die Kathedrale wurde 2004 fertiggestellt und vom Geschäftsmann Bidsina Iwanischwili finanziert, der ursprünglich den heutigen Staatspräsidenten Sakaschwili unterstützt hatte, ihn heute aber bekämpft und selber als Präsident kandidieren will, weshalb  ihm die Regierung inzwischen Geldwäscherei vorwirft und auch die Staatsbürgerschaft aberkannt hat ... das ist Georgien ... Ich genieße die großartige Aussicht über die Stadt und den anschließenden Gang durch enge Gassen und steile Straßen mit den typischen verschnörkelten Balkonen hinunter an die Kura mit der Metechi-Kirche (13.Jh.) und er Reiterstatue von König Wachtang, ein Photosujet das fast als Wahrzeichen von Tbilisi gilt. Die türkischen Bäder mit den großen Steinkuppeln und den reichverzierten Eingangsbereichen versetzen den Besucher am Gegenufer gefühlsmäßig in den Orient. Leider reicht meine Zeit diesmal nicht für ein Bad, und so beschließe ich den Rundgang durch die verwinkelten Straßen mit holprigem Kopfsteinpflaster und dichtem Abendverkehr zurück zum Freiheitsplatz und mit der U-Bahn zurück ins Marjanishvili-Quartier zu meinem Hostel. Nach den ausgedehnten Rundgängen  und ohne Aussicht auf Gelegenheit, den eindrücklichen georgischen Gesang zu genießen, drängt es mich nun auf den Start zur Schwarzmeer-Tour, weshalb ich beschließe, schon am nächsten Tag die erste Etappe unter die Räder zu nehmen. Mit belgischer, iranischer und Moskauer Begleitung genieße ich in einer lärmigen Restaurant-Halle ausgezeichnete Spezialitäten und guten Wein, alles großzügig vom Holzhändler spendiert. Auf der Karte von Raphaëlle aus Belgien informiere ich mich am späten Abend noch über mögliche Nebenstraßen zu den bekannten verkehrsreichen Hauptstraßen mit den stinkenden Lastwagen. Und schließlich funktioniert auch die Wasserversorgung endlich wieder einmal, so dass ich den Hauskomfort auch endlich nutzen kann.


Donnerstag, 1. September                     Tbilissi -Mzkheta -  Gori              91 km
Um halb acht  schläft im Hostel noch alles, die Stadt scheint erst langsam zu erwachen. Gut für mich, denn so kann ich mit noch wenig Verkehr starten. Trotzdem nutze ich längs der Kura zu Beginn lieber noch den holprigen Fußweg, denn die motorisierten Frühaufsteher scheinen keine Geschwindigkeitslimiten zu kennen. Nicht immer ist die größte Straße auch die richtige, aber mit etwas Nachfragen gelange ich nach den Vorstädten schließlich doch auf die Hauptstraße gegen Mzcheta. Die Straße ist sehr breit und lässt mir an der Randmarkierung reichlich Platz fürs Velo. Längs der Straße stehen häufig Gemüse- und Obsthändler  mit ihren hochbeladenen Autos neben einfachen Verkaufsständen. Nach 18 km verlasse ich die Schnellstraße und erreiche auf der alten Verbindungsstrasse mit nur wenig Verkehr nach weiteren 4 km die Abzweigung nach Mzcheta. Da ich zeitlich gut drin bin, mache ich auch nochmals einen kurzen Besuch in dieser ehemaligen Hauptstadt des Iverischen Königreiches. Die Gegend um die Svetizchoveli-Kathedrale ist historisierend restauriert  und wirkt mit den pseudo-griechischen Verwaltungsgebäuden  ziemlich steril. Neben dem Haupteingang döst ein alter  Panduri-Spieler vor sich hin und begleitet damit seinen immer gleichen Gesang, sobald irgendwo ein Tourist sichtbar wird. Beeindruckend bleibt aber die Kirche aus dem 11. Jh. innerhalb der alten Festungsmauern, in welcher über Jahrhunderte die georgischen Könige bestattet worden waren. Die Mauern sind von den vielen Kerzen teils rußgeschwärzt, das zentrale Ikonen-Bild  ist in der Mitte  durch die vielen Küsse der Wallfahrer kaum mehr erkennbar.
Mzcheta



unterwegs an der Kura
 Ich kaufe etwas Gebäck, Fruchtsaft, Yoghurt und Wasser als Wegproviant und nehme wieder die alte Hauptstraße Richtung Westen flussaufwärts unter die Räder. Sie ist entgegen den Warnungen in Tbilisi  sehr gut: mit Ausnahme von 5 km durchgehend Belag und je  länger desto weniger Verkehr. Dafür auch je länger desto  weniger Bäume und bei zunehmendem Gegenwind bei bis zu 34 Grad heiß . In jedem Dorf hänge  ich wieder eine frische Literflasche Wasser in die Halterung am Velo. Und in einem  Dorf steckt mir ein Nachbar nach langer Unterhaltung auch noch gleich einen halben Liter Samogon (selbstgebrannter Wodka) zu, damit ich auch  noch ein drittes Mal nach Georgien kommen solle. Ohne davon versucht zu haben  rutsche ich auf der  kurzen asphaltfreien Strecke im  losen Schotter auch noch aus, aber abgesehen von kleinen Schürfingen bleiben Nachwirkungen für  mich und das Velo  aus. Ziemlich geschafft von der Hitze erreiche ich gegen 16 Uhr nach 90 km die Stadt Gori, Geburtsort von Josip Dshugashwili, dem späteren Stalin. Auf dem großzügigen  Stalin-Boulevard mit schönen Wohn- und Geschäftshäusern fahre ich  bis zum Stalin-Geburtshaus mit  dem großen Museum. Hier ist aber alles verlottert und statt dem früheren monumentalen Standbild steht nur noch eine  kleine Statue Stalins vor dem geschlossen wirkenden Museum mit dem daneben aufgestellten Eisenbahnwagen des ehemaligen Priesterschülers. Der riesige Platz im Stadtzentrum vor dem Rathaus wirkt ohne die 1910 bei Nacht und Nebel entfernte monumentale Stalin-Statue noch verlassener als sonst. Das große Intourist-Hotel nebenan ist nicht mehr in Betrieb, aber im Hotel Victoria als offenbar einziges offenes Hotel der Stadt finde ich für 80 Lari (etwa 40  Franken) ein großes Zimmer mit Balkon und funktionierendem Bad. Höchste Zeit für eine Wäsche!  Mit Chatschapuri,  griechischem Salat (der sich als Pouletsalat mit etwas Tomaten und Gurken erweist) und viel kühlem Bier stärke ich mich  für die morgige Etappe nach Borjomi und in die Berge des kleinen Kaukasus. Wenigstens wird es dort etwas kühler sein und zudem mit Wald auch wieder schattiger.

Freitag, 2.September                                           Gori -Khashuri - Borjomi             88 km



das Kloster Samtsevrisi

Nachdem die Hotelleitung meine Zimmernachbarn erst gegen Mitternacht durch Gewaltandrohung dazu bewegen konnte, den dröhnenden Fernsehapparat mit Action- und Kriegsfilmen stillzulegen, fand ich doch noch genügend Erholung für die neue Etappe. Also wieder zuerst Proviant besorgen und dann westwärts aus der Stadt hinaus. Von den  russischen Bombardierungen vor 3 Jahren habe ich bisher nichts mehr gesehen.
Auf einer alten Straße ohne Verkehr geht es zunächst gemütlich westwärts. Ein Schafhirt erklärt mir, dass diese Straße aber nur noch bis zur neuen sehr verkehrsreichen Hauptstraße gehe. Leider endet sie dann aber gut 100 m unterhalb, so  dass ich Velo mit 17 kg Gepäck eine steile Wiese hochschleppen muss. . Die schon teilgeöffnete Autobahn mündete nach 10  km auch wieder in eine schmale Hauptstraße, so dass ich mich angesichts der vielen Lastwagen für die Abzweigung nach Kareli und von dort aus für die zwar  längere, aber sicher ruhigere Nebenstraße entscheide.  Diese ist tatsächlich sehr ruhig, denn 3 km nach Kareli gibt es nur noch Schotter, und Autos würden auf dieser Schotterpiste sicher nicht freiwillig fahren. Dafür stoße ich gleich zu Beginn bei Samtsevrisi auf ein kleines Kloster und auf dem daneben liegenden Hügel eine kleine, leider geschlossene Kirche aus dem 7.Jh.  mit angrenzendem Friedhof, wo im hohen dürren Gras die Gräber kaum mehr sichtbar sind. Ein wunderbarer Aussichtspunkt mit Blick über das Tal der hier stark mäandrierenden Kura.
Glücklicherweise zeigen mir Arbeiter den richtigen Weg, denn Wegweiser und Ortstafeln sind in Georgien abseits der wenigen Hauptachsen  offenbar unbekannt. Hier sind nur Einheimische unterwegs, und die wissen schließlich, wo sie sind. Und so geht es durch die Ebene holprig weiter. In den wenigen Dörfern wechselt der Schotter gelegentlich mit Schlamm ab, denn in der letzten Nacht hat es wieder stark geregnet. Nach 25 km Schotter freue ich mich  vor Khashuri trotz Aussicht auf starken Verkehr wieder so richtig auf den Asphalt. Glücklicherweise geht die Hauptverkehrsachse ab hier nordwestwärts weiter über Kutaisi zum Schwarzen Meer. Die Straße zu meinem Tagesziel  Borjomi dagegen führt mit mäßigem Verkehr 7 km schnurgerade  aus der heißen Ebene nun langsam ansteigend in ein idyllisches Tal  mit Wald und angenehmen Temperaturen. Die Kura ist hier wieder ein wilder Fluss mit Stromschnellen, und jede Kurve bringt neue interessante Bilder. Qualmende Schaschlik-Buden  am Straßenrand locken mit ihrem Duft, ich erwarte noch einige Steigungen und zwinge mich darum zum Verzicht. Borjomi kündigt sich als erstes mit einer großen Quelle am Straßenrand an, über welcher auf einer riesigen Betonüberdeckung  in noch knapp sichtbaren Reliefformen der Ruhm des bekannten Mineralwassers verkündet wird, das bis 1989 in der ganzen Sowjetunion Verbreitung fand.
Borjomi: der "Mineralwasser"-Park

Kurz nach halb fünf erreiche ich im hier nun engen Tal den Kurort. Hotels und Pensionen säumen die Hauptstraße, aber viele scheinen geschlossen. Der Kurort, der einst die ganze Sowjetunion mit seinem Mineralwasser belieferte, rappelt sich erst langsam wieder auf. Auf der Tourist-Info erscheint erst nach einer halben Stunde wieder jemand, vermittelt mir aber nach meinen Wünschen gleich sehr freundlich eine Privatunterkunft in der Nähe, und die Vermieterin holt mich gleich hier ab.

Inga Sergia wohnt mit Schwiegertochter  Regina und dem 4-jährigen David  in einer kleinen Wohnung. Der arbeitslose Sohn wartet bei den Schwiegereltern in Tbilisi auf Arbeit. Das Wohnzimmer der kleinen Wohnung wird zu meinem Schlafzimmer, das Velo hieve ich über die steile Treppe auf die kleine Veranda vor der Wohnung, wo es sicher sein soll. Nach einer kurzen Dusche in einem Verschlag auf der Veranda statte ich zur Besichtigung des „Mineralwasser-Parks“, dem historischen Freizeit- und Vergnügungszentrum dieses Bäderortes. Bilder rufen die Glanzzeit des Ortes um 1900 in Erinnerung, während einige der historischen Bauten offenbar seit Jahren geschlossen sind. Ein Teil der Vergnügungsanlagen ist verrostet, und aus dem erhofften Bad im neuen Badehaus wird heute auch nichts: geschlossen (wahrscheinlich "na remont" wie so vieles in der ehemaligen SU). Trotzdem hat es sehr viele georg. Touristen. Immerhin sind offenbar verschiedene Restaurierungen geplant, und eine neuzeitliche Glas-und Stahlkonstruktion schützt die öffentlichen Mineralwasserbrunnen inmitten bunter Blumenanlagen. Bei einbrechender Dämmerung vergnügen sich Feriengäste mit Kindern auf den Spazierwegen und Spielplätzen. Mit einer wahrscheinlich aus den 60-er Jahren stammenden Seilbahn, die bei uns wohl schon seit 20 Jahren keine Bewilligung mehr erhalten würde, wage ich auch einen kurzen Ausflug zum darüber liegenden Restaurant mit Aussicht, kehre aber bald wieder zurück, da mir Inga ein einfaches Nachtessen zubereiten will.
An kleinen Tisch in der Küche serviert sie mir einen kräftigen Borschtsch, Früchte und Tee und erzählt aus ihrem Leben als ursprüngliche Chemikerin und spätere Bauingenieurin. Sie ist Russin und seit langem ohne Arbeit. Die sehr bescheidene Pension ergänzt sie mit gelegentlicher Zimmervermietung. Im Winter reicht das Geld meistens nicht zum Kauf des nötigen Brennholzes. Der Sohn war in Tbilisi am Konservatorium und machte anschließend die Polizeischule. Als Untersuchungsbeamter sei ihm bei einem Überfall die Pistole gestohlen worden, worauf er entlassen worden sei und seither vergeblich neue Arbeit suche. Die Schwiegertochter lebe mit ihrem Sohn hier billiger als in der Hauptstadt. Und im übrigen seien die Politiker hier alle korrupt und der Präsident Sakashvili aus der kürzlich erfolgten Wahl nur durch Betrug und Bestechung als Sieger hervorgegangen. Beim einfachen Nachtessen erfahre ich im Laufe des langen Abends, was der Zerfall der SU für viele einfache Menschen bewirkte und immer noch bewirkt. Zum Ende des langen Abends spiele ich auf ihren Wunsch noch einige Zeit auf dem inzwischen etwas verstimmten Klavier in „ meinem“ Zimmer. Die Unterkunft kostet 40 Lari (ca. 24 Franken), fürs Nacht- und Morgenessen will Inga nichts. Ich bezahle ihr trotzdem 50 Lari und scheine ihr damit seit einer Ewigkeit die größte Freude zu machen.
Von der Tourist-Info habe ich erfahren, dass die Schmalspurbahn in den Wintersportort Bakuriani auch Velos transportiert. Ich ändere deshalb meine Pläne für den nächsten Tag: statt auf der Hauptstraße direkt weiter Richtung Batumi will ich von Bakuriani aus (ca. 1700 m) über den  Tskhratskharo-Pass (2450 m) nach Akhalkalaki in der Nähe der armenischen Grenze und von dort aus am folgenden Tag die berühmte Felsenstadt Vardzia besuchen

Samstag, 3. September                           Borjomi - Bakuriani - Akhalkalaki         57 km
am Khrazkaro-Pass (2540 m)

  
im Hochtal vor Akhalkalaki




Nachts hat es stark geregnet, um 6 Uhr ist alles verhangen. Laut Tourist Info fährt ein Zug um 07.15 Uhr, der zweite um 14 Uhr. Aber um 7.15 kommt am Bahnhof kein Zug: Fahrplanwechsel; der einzige Zug fährt seit dem 1. September um 11 Uhr und hätte 3 Stunden für die 25 km lange Strecke. Damit wäre ich definitiv zu spät! Zusätzliche 850 m auf dem Velo mit Gepäck scheinen mir aber auch zu viel, aber vielleicht kann eines der herumstehenden Taxis mein Velo auch noch einladen. Und ausgerechnet derjenige Fahrer mit dem kleinsten Auto (und gesprungener Frontscheibe) will das gleich übernehmen! Mit vereinten Kräften können wir das Velo auch so durch die Hecktüre schieben, dass sein Schwerpunkt innerhalb des Autos bleibt. Für 30 Lari inkl. einem Abstecher zum  in einem Seitental versteckten Kloster Kimotesubani führt er mich nach Bakuriani hinauf und zeigt mir dort den Beginn der Straße, nachdem ich sein wiederholtes Angebot, mich für 20 Lari auch noch gleich auf den Pass hinauf zu führen dankend abgelehnt habe. Entgegen allen Infos am Bahnhof Borjomi und bei der Tourist-Info ist es natürlich nicht Asphalt, sondern Schotter mit Löchern ohne Zahl und nach dem vergangenen Regen auch mit viel Schlamm. Aber der Himmel ist jetzt tiefblau, also nix wie los!

Im Slalom geht es um viele Löcher, dazwischen auch mitten durch tiefe Pfützen aufwärts, zunächst durch Wald, dann durch offene Weiden an der Sonne. Nur ganz selten kommt mir ein Auto entgegen, entweder alte russ. Kleinlaster oder moderne Offroader. Nach 3 Stunden empfängt  mich auf dem Khrazkaro- Paß (2540m) ein kühler Wind und die Polizei, die alles wissen will, meine Ausweise kontrolliert und alle meine Auskünfte und Daten in ein Kontrollbuch einträgt. Auf meine Testfrage, woher die durch Warntafeln ersichtliche Pipeline komme, bekomme ich als einzige Antwort: „Auskunft geben verboten“ .Dabei hat mir ein Arbeiter bereits weiter unten bereitwillig erklärt, dass es sich um die mit amerikanischer Hilfe erstellte Leitung Baku (Aserbeidschan) - Ceyhan (Türkei) handelt. So ist Georgien!  Die Landschaft hat sich ab dem Pass schlagartig verändert: nach den tiefen Tälern mit viel Wald im Norden öffnet sich nach Süden eine fast waldlose Region mit sanften, oft vulkanartigen Hügeln und einzelnen tief eingeschnittenen Tälern. Eine Landschaft, wie ich sie aus Bildern von Armenien in Erinnerung habe. Schaf- und Ziegenherden mit berittenen Hirten erinnern an Kyrgistan, nur dass die Familien hier oben statt in Jurten in großen aus Tüchern und Plastikplanen zusammengeflickten Zelten wohnen.
Auf der Weiterfahrt geht es mit wenig Gefälle in eine weite Ebene hinab. Die "Straße" ist so schlecht, dass ich oft kaum schneller als beim Aufstieg fahren kann und gelegentlich lieber quer über die Weiden abkürze. In der weiten Ebene tauchen erste verstreute Dörfer und einige Waldflächen auf, die mit ihren strengen Abgrenzungen deutlich als künstliche Aufforstungen zu erkennen sind. Im ersten Dorf sind Familien mit Eselkarren unterwegs, die Straße versperrt eine knatternde und qualmende Dreschmaschine, die von Männern und Frauen mit frisch geschnittenem Weizen gefüttert wird.
Nach endlos scheinender Fahrt auf breiter Schotterspiste und schließlich doch auch noch löchrigem Belag erreiche ich gegen 16 Uhr  die Hauptstraße am Paravani-Fluss bei Akhalkalaki und kann mich rechtzeitig in einer verlassenen Tankstelle vor einem Riesengewitter schützen. Da der Regen aber nicht enden will, verzichte ich für heute auf Weiterfahrt und Zeltnacht und fahre im Regen in die Stadt hinauf auf Hotelsuche. Nach Auskunft von zwei Polizisten soll es ja dort sehr viele Hotels haben. Das einzige (Art&Seg, ul. Mashtots 31), das ich nach mehrmaligem Nachfragen schließlich finde, wirkt von außen bei diesem Regenwetter recht heruntergekommen, ist im Innern aber stilvoll zurecht gemacht. 80 Lari scheint mir zwar viel, aber mangels Alternative sage ich zu. Das Zimmer ist geräumig, und nach gründlicher Erläuterung der dafür nötigen Tricks funktioniert sogar die WC-Spülung gelegentlich. Also Duschen, Wäsche machen und dann schnell auf einen Rundgang, bevor es dunkel wird. Die Stadt wirkt bei diesem Wetter trostlos, die vielen Marktstände sind schon abgeräumt, in den Straßen mit den riesigen Pfützen nur  noch wenige Passanten, viele baufällige Häuser, die große armenische Kirche verschlossen. Auffallend sind die vielen armenischen Beschriftungen, die Statuen mit armenischen Inschriften und die dreisprachigen Straßenschilder: georgisch, armenisch, russisch. Im ursprünglich von Georgiern bewohnten Gebiet wurden nach dem russisch-türkischen Krieg 1829 Armenier aus der Türkei hier angesiedelt und die georgische Bevölkerung zog größtenteils weiter nordwärts. Heute sind gut 90% der Bevölkerung ethnische Armenier. Neben den armenischen Schulen soll es aber immer noch je eine georgische und eine russische Schule geben.
Da kein anderes Restaurant zu finden ist, kehre ich mit etwas Zwischenproviant für den folgenden Tag ins Hotel zurück und lasse mir dort im leeren Restaurant die vom Wirt angebotene gebratene Forelle mit dem üblichen „Salat“ (Gurken- und Tomatenstücke, grüne Paprika, Salz)  servieren. Und beim Einschlafen plätschert der verlöcherte Dachablauf vor meinem Fenster unnachgiebig weiter...

Sonntag, 4. September                                       Akhalkalaki - Vardzia - Akhaltsikhe      137 km

Am Morgen ist immer noch alles nass, dicke Wolken und Nebel dämpfen die Vorfreude auf den neuen Tag. Ein knappes Hotelmorgenessen, eine kurze Rundfahrt durch die erwachende Stadt, und um 8 Uhr geht’s in leichtem Nieselregen  los.  Hier auf rund 1700 m ist es noch bergig kühl, aber auf der Fahrt talabwärts neben dem rauschenden Paravani  künden erste blaue Flecken doch schon wieder einen besseren Tag an. In den steilen Felswänden an den Talflanken sind immer wieder größere und kleinere Öffnungen sichtbar, Reste von früheren Felsen-Wohnungen. Nur selten sieht man vereinzelte Häuser oder eher Hütten. Eine dieser kleinen Siedlungen ist mit einem alten Eisenbahnwagen als Brücke über den Paravani erschlossen. Das offenbar noch intakte Dach  bietet zwar komfortablen Schutz, dafür erweckt der löchrige Boden keinerlei Vertrauen.
Bei der mächtigen Burg von Khertvisi muss ich mich entscheiden, ob ich den Aufstieg nach Vardzia wirklich auf mich nehmen will. Ausflugsbusse fahren nur ab Borjomi, und 17 km wieder aufwärts mit Gepäck lassen meine Motivation schrumpfen. Aber gerade im rechten Moment taucht eine Marschrutka auf, die ich stoppen kann. Der Fahrer ist einverstanden, auch mein „Velo complet „ einzuladen, und so kann es eingeklemmt zwischen Velo und Sitzbank im VW-Bus einigermaßen gemütlich losgehen. Unterwegs werden auch noch 8 Arbeiter auf den vorderen Sitzbank geklemmt, aber diese scheinen sich an meinem Platzbedarf gar nicht zu stören. Unterwegs zeigt der Fahrer noch seine Fremdenführer-Qualitäten und weist mich manchmal gleich mit beiden Händen auf ein Kloster oder alte Höhlen hin. Für bescheidene 3 Lari komme ich so nach 17 km in Vardzia an. Bereits vom Parkplatz aus ist die große Felswand mit den vielen aus und in den Fels gehauenen Wohnungen dieser im 12. Jh. als Grenzfestung gegen Türken und Perser erbauten Höhlenstadt sichtbar. Auf einem Rundgang, teilweise durch steile dunkle Treppengänge und über ausgesetzte Terrassen kann ich viele dieser insgesamt noch gut 700 einzelnen Wohnhöhlen, Kirchen und Lagerräumen besichtigen. In einem Teil befindet sich immer noch ein bewohntes Kloster. Insgesamt eine sehr beeindruckende Anlage!
die Höhlenstadt Vardzia
 In erfrischender Fahrt geht es auf dem Velo wieder zurück  nach Khertvisi und weiter talabwärts  gegen Akhalcikhe. Große Lastwagen kriechen in der Gegenrichtung bergaufwärts, vermutlich vor allem mit Ziel Armenien, denn diese Straße ist die wichtigste Verbindung für das durch die benachbarten Länder Aserbeidschan und Türkei eingeschlossenen  Binnenlandes.  Ich bin froh, dass ich mit sehr wenig Verkehr in die Gegenrichtung fahren kann. Allmählich wird  es nun flacher, zunehmend auch durch kleine Wälder, aber immer wieder geht es kurvenreich und eng zwischen steilen Bergen hindurch. Mehrmals wechselt feuchte Wärme mit kurzen Gewittern ab. Gegen 15 Uhr erreiche ich nach einer kurzen Steigung die Stadt Akhalcikhe und damit auch wieder meine ursprünglich geplante Route Borjomi - Batumi. Ein gewaltiger Wolkenbruch verwandelt alle Straßen in kleine Bäche. In einer leeren Garage nutze ich die Zeit für ein Picknick und reinige mit einer alten Zahnbürste Kette und Zahnkränze vom Dreck der letzten Tage. Ein Mann gegenüber empfiehlt mir sein Hotel für die Nacht, aber ich möchte eigentlich noch weiter bis Zarzma vor dem Goderzi-Pass und erst dort im Zelt oder einer Privatunterkunft übernachten. So fahre ich nach 16 Uhr weiter und wundere mich erst nach einer guten Stunde, dass die Sonne zwischen den Wolken nun statt vor mir eben in meinem Rücken zum Vorschein kommt. Ein Vergleich zwischen einer alten Ortstafel und meiner Karte bestätigt leider den Verdacht: ich habe statt der Straße gegen Batumi diejenige zurück Richtung Borjomi erwischt; irgendwo am Stadtrand musste ich eine Abzweigung verpasst haben, und Wegweiser sind hier eben wirklich eine Rarität. Also 25 km zurück und dann eben doch in besagtem Hotel übernachten. Mit dem „Mirage“ kann ich aber sehr zufrieden sein: kleine 2-Zimmerwohnung mit funktionierender Dusche für 50 Lari, Möglichkeit zum Veloreinigen im großen Innenhof, und nach kurzem Stadtrundgang im dazugehörigen Restaurant   für 16 Lari eine kräftige Fleischsuppe, den üblichen Salat, ein gutes Chatschapuri  aus der Pfanne, 3 Glas Wein und kräftigen türkischen Kaffee. Also bestens gerüstet für den zweiten Anlauf Richtung Batumi!

Montag, 5. September                                         Akhaltsikhe - Goderzi - Batumi              181 km






Nach einem Morgenessen mit viel von dem scharfen einheimischen Käse geht es bei leichtem Nieselregen zum zweiten Mal los, und zuerst doch wieder auf der falschen Straße. Nach der gestrigen Erfahrung frage ich aber rechtzeitig und finde so schon nach 500 m tatsächlich den richtigen Weg. Sonne und leichter Regen wechseln sich ständig ab. Wieder leichtes Auf und Ab, sehr wenig Verkehr, größtenteils guter Belag. In Adigeni decke ich mich nochmals mit Fruchtsaft, Yoghurtdrink und Wasser ein. Im kleinen Laden serviert mir die Inhaberin an einem wackligen Tischchen einen türkischen Kaffee. Ja, dies sei die Straße nach Batumi, kein Problem, wird mir nochmals bestätigt, also kein Problem. Aber schon hinter den letzten Häusern ist fertig mit Belag, statt dessen eine zwar breite „Straße“, aber die Hälfte der Oberfläche besteht aus Wasserlöchern, der Rest aus einem Gemisch von Kies und Schlamm. Nach 6 km wird das Tal enger, die Straße plötzlich steil. Dank der Steigung gibt es nun zwar keinen Schlamm mehr, dafür groben Schotter und tiefe Gräben. Ein alter Mann bestätigt mir, dass es sich bei den zwischen den Bäumen am Hang sichtbaren Häusern um Zarzma handelt, hier hätte ich wohl kaum eine Unterkunft gefunden, und zum Zelten hätte es auch kaum einen trockenen flachen Fleck gegeben. Die falsche Route am Vortag war also im Rückblick ein echter Glücksfall  gewesen! In steilen Kurven geht es durch Wald aufwärts, das Fahren ist auf der ruppigen Straße oft nur noch knapp möglich. Bei 2 Verzweigungen kann ich nur auf Grund von Fahrspuren vermuten, welches wohl die richtige Fortsetzung sein sollte, zum Glück aber immer mit Erfolg. Trotz aller Anstrengung fasziniert die Landschaft mit Wald, ganz seltenen Weiden und tief eingefressenen Bachgräben. Nach zweieinhalb Stunden lichtet sich der Wald und verstreute Häuser werden sichtbar: die weitläufige Sommersiedlung am Goderzi-Pass. Damit habe ich auch bereits  die formell „autonome Republik Adscharien“ erreicht,  die dank großen Zugeständnissen im Gegensatz zu Abchasien und Süd-Ossetien heute wieder friedlich innerhalb Georgiens weiterbesteht. Viele der Häuser sehen aus, wie wenn sie den nächsten Sturm nicht überstehen würden, aber fast alle sind bewohnt. Auf der ganzen Strecke ab Zarzma habe ich 5 Autos angetroffen, die oft auch nur im Schrittempo vorwärts kamen. Auf der Passhöhe (2024 m) treibt mir ein kalter Wind dichten Nebel entgegen, und ich bin froh, mich in der  gemütlichen Holzbaracke ausruhen zu können. Der Wirt empfiehlt mir ein „Borano“, eine fettreiche Bouillon mit großen Klumpen des besonderen adscharischen Käses. Das ist wirklich sehr gut, auch wenn die Kinder am Nebentisch herzhaft lachen müssen, weil ich eben nicht so genau weiß, wie man das genau essen soll. Der vom Wirt offerierte Wodka heizt zusätzlich ein, so dass ich gegen 15 Uhr frisch gestärkt zur  Abfahrt  starten kann. Diese ist allerdings nur wenig erholsamer als der Aufstieg, denn der Straßenzustand erfordert größte Konzentration und erlaubt auch hier oft nur Schrittempo, wenn ich nicht plötzlich im Straßengraben landen will. Allmählich häufen sich die Häuser, einzeln kleine Dörfer kleben an den steilen Hängen, und schlanke Minarette weisen auf die stark vertretene muslimische Minderheit und die osmanische Vergangenheit Adschariens hin.
im Bergland von Adscharien

Erst nach 35 km treffe ich  in Khulo endlich wieder auf gute Asphaltstraße. Der Hauptplatz ist um halb sechs Uhr vollgestopft mit Marschrutkas, die die Arbeiter aus den Betrieben an der Küste  heim bringen. Von hier an wird die Fahrt wieder zum Genuss, aber allmählich beginnt es zu dämmern. Zum Glück habe ich mit dem Nabendynamo vorzügliches Licht, so dass ich auch nach 20 Uhr mit guter Sicht auf die Straße fahren kann. Ich möchte wirklich noch bis Batumi gelangen, um den folgenden Tag vollständig mit Besichtigen und Faulenzen genießen zu können. Nochmals ein Zwischenhalt in Adscharis Kali mit Cola und Schokolade als Stärkung, und gegen 22 Uhr erreiche ich die Küstenebene und nach 6 km auf einer 4-spurigen Straße das hell erleuchtete Batumi. Ein junges Paar erklärt mir den Weg zum Guesthouse an der Melikishveli 97, das ich in der dunklen Straße über  offene Leitungsgräben trotz fehlenden Hausnummern schließlich nachts um elf Uhr auch finde. Weil das Wasser in der Dusche wegen den Bauarbeiten nicht funktioniert, hilft mir die Hausherrin mit einem Kessel heißes Wasser aus, und so kann ich wenigstens den groben Dreck abwaschen, bevor ich nach Mitternacht  zufrieden einschlafe. Nach 181 km seit dem Morgen mit 1550 aufwärts und 57 km Schotter freue ich mich nur noch aufs Bett und das morgige Faulenzen.

Dienstag, 6. September                                                  Batumi          (zu Fuss und per Velo)
Ein wohltuender Start in den Tag: Ausschlafen bis 9 Uhr, dann erst einmal gründliche Kleider-Wäsche und anschließend Velo-Wäsche im Hof des einfachen Guesthouse. Dazu lasse ich mich vom Patron etwas über das aktuelle Adscharien aufklären: von der Autonomie ist kaum mehr etwas spürbar, seit dem Sturz des selbstherrlichen Präsidenten Abaschidse 2004 ist die Provinz praktisch mit den übrigen Provinzen gleichgestellt, der Präsident  wird auf Vorschlag des Staatspräsidenten gewählt  und Parlamentsbeschlüsse können von Tbilisi zurückgewiesen werden. Die zeitweiligen Grenzkontrollen zum übrigen Georgien bestehen nicht mehr, und vor allem die Küstenregion um Batumi boomt dank Investoren aus der Türkei und aus Deutschland.
 
Batumi bei Tag ...
 
.... und bei Nacht

 
Dies bestätigt denn auch meine Velo-Sightseeing-Tour durch die Stadt: überall moderne oder pseudogriechische Neubauten und viele exklusive Geschäfte, riesige Hotels (Sheraton, Radisson, Imperial, ...), an der mehrerer Kilometer langen Strandpromenade mit separaten Bereichen für Flaneure und Velofahrer, Restaurants,  Parks, bombastische Appartement-Blocks und Vergnügungsanlagen, am Abend in bunter Beleuchtung und mit lauter Musik. Als neueste Errungenschaft ist gerade auch ein gegen 100 Meter hoher Turm im Bau, der einfach die georgischen Buchstaben zeigt.  Im Stadtzentrum gibt es wenigstens noch einen Bereich mit Gassen aus Kopfsteinpflaster und den hübschen 2-stöckigen Häusern aus früherer Zeit, aber auch hier drängen sich schon einzelne moderne mehrgeschossige Häuser dazwischen. Erholsam auch das alte Hafengebiet, wo am Quai Männer jeden Alters ihr Fischerglück versuchen.

Ich beziehe an einem Bancomat wieder 140 Lari für meine restliche Zeit in Georgien, beschließe den Nachmittag in der Abenddämmerung mit einem Bad im 22 Grad warmen Meer lasse in beginnender Nacht noch die Ferienatmosphäre auf mich einwirken. Die Rückkehr im dichten Verkehr aus den von (georgischen) Touristen belebten Bereichen zu meinem Guesthouse in der dunklen Straße ist trotz der kurzen Distanz wieder wie ein Schritt in eine andere Welt. Morgen geht es ja dann schon auf die letzte Etappe in Georgien (politisch hier absolut unkorrekt, aber wahr!)

Mittwoch, 7. September                                      Batumi - Poti - Zugdidi                 141 km
vor Kobuleti
Die Wasserversorgung funktioniert wieder mal nicht, also starte ich ungewaschen. Als Morgenessen genehmige ich mir in einer türkischen Bäckerei Schoko- und Vanillegebäck mit  kräftigem Kaffee. Mangels Wegweisern folge ich einfach dem Hauptverkehr, lande aber vorübergehend doch noch in einem kleinen Dorf vor den dichtbewaldeten Berghängen. Die richtige Hauptstraße direkt am Meer hat auf den ersten Kilometern sogar noch einen separaten Radstreifen direkt am Wasser, aber nach Adzankauri geht es auch hier aufwärts und schließlich durch einen 600 Meter langen neuen Tunnel. Meine Freude, damit die Hügelkette elegant unterfahren zu haben erweist sich als Trugschluss, denn nach einer kurzen Strecke wieder flachen Strecke folgen wieder zwei kurze, aber steile Aufstiege auf der alten  engen und kurvenreichen  Hauptstraße. Die Reste der zu sowjetischer Zeit bedeutenden Teepflanzungen von Chakvi, die schon 1998 nur noch teilweise gepflegt waren, sind nun total verwildert  oder auch schon ganz umgegraben. In der letzten Abfahrt vor Kobuleti taucht am Straßenrand die Hinweistafel auf  Petra-Tsikhe auf. Die von Kaiser Justinian im 6.Jh. gegründete Stadt Petra lag 50 m über dem steilen Ufer und beherrschte  bis  weit über das Mittelalter hinaus  das östliche Schwarze Meer. Byzanz und die Perserreiche führten Kriege um diese Festung. Vom bis ins 19. Jh. wichtigen Handelsplatz sind nur noch imposante Mauerreste übrig, aber der Platz bietet eine großartige Sicht über die hier beginnende riesige Küstenebene der Kolchis.

In Kobuleti mache ich kurz Kaffeehalt, und dann folgen dem Strand entlang zunächst luxuriöse, allmählich aber immer einfachere Hotels und Ferienhäuser zwischen häufig parkähnlichem Föhrenwald .Die Ferienregion lockt offenbar weitere Investoren an: in einer weiten Ebene entsteht ein riesiger Vergnügungspark, der wohl zu einem Disney-Land heranwachsen soll. Geld ist vorhanden, aber  offenbar nicht dort, wo die wirklichen Probleme zu lösen wären ..
"Porco fidelio"
Zu meiner Freude folgt aber immer mehr wieder offene, unverbaute Landschaft, ab und zu ein träge sich zum Meer windender Fluss und nur selten einige Häuser. Eine riesige Plastik mit 3 mächtigen weißen Händen, die einen Mann zu bedrohen scheinen, kündigt die nahe Stadt Poti an. Entgegen meiner Meinung, dass damit wohl der „Angriff“ Russlands auf Georgien von 2008 symbolisiert werden soll, sei aber falsch; das Denkmal heiße „Die Welle“, gemeint seien Meerwellen (?), klärt mich in Poti ein Mann auf. Die wichtige Hafenstadt wurde 2008 ebenfalls bombardiert und vorübergehend besetzt, im Zentrum erinnert ein Denkmal an die Toten hier. Der große Hauptplatz mit dem Verwaltungsgebäude im russischen Stil wirkt baufällig, einige Häuser scheinen demnächst zu verfallen. Aber daneben ist ein modernes Stadttheater im Bau, und gegenüber beherrscht eine nicht ganz fertiggestellte Kopie der Alexander-Newski-Kathedrale von Sofia. Beim Picknick auf einer Parkbank nebenan unterhalte ich mich mit einem Mann: 58-jährig, Buchhalter, wie ein Viertel der Männer seit Jahren arbeitslos, enttäuscht von allen Politikern seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und deshalb den „guten Zeiten“ nachtrauernd, ohne Hoffnung auf bessere Zeiten aber irgendwie sich durchschlagend.

Um 14 Uhr fahre ich weiter auf der Hauptstraße Richtung Kutaisi und Tbilisi; eine dank Alleebäumen schattige und trotz ihrer Bedeutung jetzt eher verkehrsarme Straße durch weites Ackerland mit  Mais, Kartoffeln, Gemüse und Obst. Nach knapp 20 km wähle ich in Chaladidi die Abkürzung nach Norden und habe  die nächsten 15 km fast für mich allein. Die gute Asphaltstraße durch wenige kleine Dörfer beherrschen Schweinen, Ziegen und Kühe, die sich weder durch mich noch durch die seltenen Autos aus der Ruhe bringen lassen. In Khobi stoße ich wieder auf die Hauptstraße und erreiche nach 18 Uhr  Zugdidi, die Hauptstadt des ehemaligen Fürstentums Mingrelien .Da die Schaltung wegen Dreckresten der vergangenen Etappen immer wieder spukt, lasse ich bei einer der vielen kleinen Autowasch-Anlagen  zuerst einmal das Velo gründlich reinigen. Die beiden Burschen lassen es sich nicht nehmen, für die 3 Lari zum Schluss sogar noch eine Schaum- und Hochglanzbehandlung zu machen. Ein Taxifahrer macht mir eine Skizze zum Zugdidi-Hostel, das ich über dunkle Schotterstraßen nach einigen Umwegen schließlich finde. Ein zweistöckiges Wohnhaus mit Garten, für mich im EG ein einfaches, gemütliches Zimmer und Zugang zu Küche sowie Dusche/WC mit Waschmaschine. Als Freund von Regina, der jungen Betreiberin taucht überraschend auch wieder Giorgi auf, den ich in Tbilisi schon als Eigentümer des dortigen Hostels kurz kennengelernt hatte. Er arbeitet offenbar bei der hiesigen Verwaltung und träumt als Hobby-Pilot mit eigenem Kleinflugzeug bereits von einer eigenen Fluglinie. Frisch geduscht mache ich mich zu Fuß ins Stadtzentrum auf zum empfohlenen Restaurant „The Host“ mit georgischen Spezialitäten. Es ist zwar sehr laut, aber das Essen vorzüglich und günstig. Neben mir ist ein Familientreffen im Gange, am anderen Tisch haben einige Burschen mit offenbar reichlich Geld ein Gelage. An allen Tischen fließt vor allem auch viel Wodka, ohne dass aber Betrunkene auffallen. Sobald die Musik von World-Pop auf Einheimisches wechselt, machen auch viele Gäste in den traditionellen Tänzen mit. Ein unscheinbarer Bursche vom Nebentisch zeigt sich als wahrer Künstler und wirbelt unter Anfeuerung der Gäste auf dem Boden herum, dass man kaum mehr sieht, wo Arme und Beine sind. Schade, dass ich das nicht filmen kann!  Zurück im Hostel beschließe ich den Abend mit Giorgi und zwei Touristinnen aus Slowenien im gemütlichen Gemeinschaftsraum bei Wein und Wasserpfeife.


Donnerstag, 8. September                                 Zugdidi - Inguri (Grenze) - Zugdidi       35 km

der Dadiani-Palast in Zugdidi
Um 8 Uhr geht’s los, zuerst ins Stadtzentrum zu Kaffee und Gebäck, dann eine kleine Stadtrundfahrt und schließlich auf die Hauptstraße Richtung Inguri-Fluss, der seit 1992 die faktische Grenze zur abtrünnigen Republik Abchasien bildet. Bis zum  heutigen Ziel Suchumi sind es laut Straßenschild 103 km, ich muss mich also nicht beeilen. Im letzten Imbiss an der Straße gebe ich noch die letzten Lari aus. Nach 9 km stehe ich am georgischen Kontrollposten. Zahlreiche Kleinbusse und vereinzelte Pferdefuhrwerke stehen bereit, um die Grenzgänger, die zu Fuß mit großen Taschen von der anderen Seite kommen, weiter zu führen. Ein großer weißer Geländewagen mit dem EUMM-Logo zeigt auch die Präsenz der EU-Beobachterdelegation, deren Nutzen allerdings nur schwer zu verstehen ist. Alle Grenzgänger  müssen sich am Schalter registrieren lassen. Ich erhalte nach Vorlegen meiner abchasischen Bewilligung und telefonischer Rückfrage innert 15 Minuten freie Fahrt.  Vor dem Brückenbeginn versperren Betonblöcke die ungehinderte Fahrt für Motorfahrzeuge. Georgische Soldaten stehen offenbar gelangweilt daneben. Ein großer Revolver mit verknotetem Lauf ruft als Denkmal (offenbar bisher ohne viel Erfolg) zum Gewaltverzicht auf. Die vielen Löcher im Belag der langen Betonbrücke über den Inguri sind von den letzten Regen noch voll Wasser, vorsichtshalber schiebe ich deshalb mein Velo lieber.
die Inguri-Brücke

Am ansteigenden Gegenufer versperrt eine Barriere die Straße und lässt nur einen schmalen Durchgang zu einigen Baracken frei. Auf einem kleinen Zwischenhof stehen Männer in unterschiedlichsten Uniformen umher. Ein Mann mit Schirmmütze ist offenbar offizieller Beamter und verschwindet mit meinem Pass und der Bewilligung  in einem Büro. Als Tourist bin ich hier offenbar eine Rarität; die übrigen Männer stehen um mich herum und inspizieren das Velo.  Ein Dickwanst  will meine Lenkertasche inspizieren und verlangt auch sofort, dass ich meine Mineralwasserflasche wegwerfe: sie ist georgisch angeschrieben! Schließlich kann ich ihn dazu bringen, dass ich nur die Etikette wegreißen muss. Bei jedem Stück in der Lenkertasche verlangt er, dass ich es ihm schenken soll. Ich muss mich zwingen, ganz ruhig zu bleiben, denn gezeigter Ärger wäre wohl kontraproduktiv,  und so erkläre eben möglichst ruhig und bestimmt jedesmal, wozu ich das unbedingt brauche: Feldstecher, Lupe, Schreibzeug, Handy, Sonnenbrille (diese nimmt er einfach und setzt sie einem offenbar leicht debilem Alten auf!). Absolut fasziniert ist er von meinem „Hunde-Schreck“: nachdem ich erklärt habe, wie man damit Hunde auf Distanz halten kann, nimmt er es und versucht es unter dem Gelächter der Anderen bei jedem der umherliegenden Hunde aus, bevor er mir endlich auch dieses wieder  überlässt. Endlich kommt der Beamte wieder aus dem Büro, reicht mir den Pass und erklärt mir, dass ich umkehren müsse: die Einreisebewilligung sei wegen einer fehlenden Zahl in meiner Pass-Nummer ungültig! Alle Erklärungen meinerseits, weshalb dieser Fehler im Antrag geschehen sei und dass ja zum Antrag auch eine Kopie meines Passes mit der vollständigen Nummer beigelegen sei nützen nichts. Extra-Bezahlung funktioniert auch nicht, da die Bewilligung erst in Suchumi nochmals kontrolliert  werde. Mir bleibt nichts übrig als zurück auf die georgische Seite. Am dortigen Posten werde ich wieder problemlos durchgelassen, nur die 3 EU-Beobachterinnen aus Schweden, Spanien und Georgien wollen genau wissen, was los sei und wer auf der abchasischen Seite  die Grenze kontrolliere, Russen oder Abchasen, Militär oder Polizei, ...
Ich überlege schnell, wie es nun weitergehen könnte: zurück nach Batumi und von Trabazon (Türkei) aus mit dem Schiff nach Sotchi oder via Internet ab Zugdidi sofort wieder ein Einreisegesuch mit korrekter Passnummer stellen. Dies erfordert in der Regel aber 4-5 Arbeitstage und würde meine Planung auch vollständig auf den Kopf stellen. Trotzdem: möglichst schnell nach Zugdidi, vielleicht finde ich Regina noch im Hostel und kann sie um Unterstützung bitten.
Ich habe Glück, aber ihre Versuche, telefonisch oder über Internet Kontakt zum abchasischen Außenministerium herzustellen misslingen vorerst, denn die direkten Verbindungen sind durch Georgien gesperrt. Auf der Verwaltung in Zugdidi erhält sie Bescheid, dass ich selber Schuld, sei, man gehe schliesslich auch nicht nach Abchasien! Auf Umwegen kann sie schließlich doch einen Beamten in Suchum erreichen und ihm den Fall erklären. Offenbar hatte dieser auf Grund eines ersten mails auch schon versucht, mich telefonisch direkt zu kontaktieren, was aber ebenfalls wegen der Blockade nicht gelang. Am Nachmittag sei Konferenz, er werde dann versuchen, eine korrigierte Bewilligung zu erhalten - immerhin ein Lichtblick! So verbringe ich den Nachmittag mit Stadtbesichtigung und einem ausgedehnten Besuch des Dadiani-Palastes mit Kirche und ausgedehntem botanischem Garten. Der Palast wurde 1860 von einem Enkel der Schwester Napoleons erbaut, weshalb das dortige Museum auch zahlreiche Exponate zu Napoleon enthält, u.a. eine Totenmaske des berühmten Verwandten.
Zurück im Hostel erwarte ich ungeduldig Reginas Heimkehr, und tatsächlich: vom Büro bringt sie mir die bereits ausgedruckte neue Einreisebewilligung, zudem mit der auf meinen Wunsch wegen der Verzögerung nun verlängerten Aufenthaltsdauer. Ich kann die geplante Tour also bereits morgen weiterführen! Darum nochmals ein Abend im „Host“ mit gutem Essen, nur heute leider ohne gute Musik. Die Burschen vom Vorabend  empfangen mich schon wie einen Stammgast, und den Wodka kann ich heute nicht mehr ausschlagen, samt dem Orangensaft, mit welchem jedes Gläschen nach dem „Ex“ immer gleich hinuntergespült wird. Vor dem Schlafen verstaue ich meine Geldvorräte eng gerollt im Rohr des Velorahmens; nach den heutigen Erlebnissen an der Grenze will ich nicht riskieren, dass mir davon auch wieder „Geschenke“ abverlangt werden.
vergebliche Mahnung ..

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